30 – Die Heimat des Freiherrn vom Stein

Wildromantische Seitentäler der Lahn

„Wildromantisch“ ist das Attribut, das viele Seitentäler der Lahn kennzeichnet, auf dieser Tour wird der Beweis angetreten. An heißen Tagen, die das Wandern über Offenlandschaften zur Plage machen, findet man hier jenen kühlen Schatten, den der Grieche so treffend „süß“ nennt. Dann ist es auch kein Problem, über einen Felssteig zu kraxeln, der eine Talschlinge abkürzt oder überhaupt die Länge dieser Wanderung durchzustehen. Die endet gewissermaßen auf Burg Nassau, wo man in der Burgschänke die Speicher wieder auffüllen kann, bevor es an der Burg derer vom Stein – Nomen est Omen – vorbei wieder beschwingt ins Lahnstädtchen Nassau zurückgeht.

2 Einkehrmöglichkeiten unterwegs. Detaillierte Wegbeschreibung, Karte, Höhenprofil und Hintergrundinfos im Buch | Abkürungsmöglichkeit

Foto: Stefan Etzel | Album der Tour

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Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831)

In seinem Geburtshaus, dem Nassauer Schloß, verfaßte der gerade im Streit als leitender Minister vom preußischen König Geschiedene 1807 seine berühmte „Nassauer Denkschrift“, in welcher er Vorschläge zur zweckmäßigeren Organisation der preußischen Verwaltung machte, die auf eine Wandlung des Obrigkeits- in einen Volksstaat zielten. Bürgerbeteiligung am Staatsleben war das Mittel, mit dem vom Stein den Volkswillen zum Kampf gegen Napoleon mobilisieren wollte.

Neun Monate nach seiner Entlassung wird der Freiherr von der Lahn weg wieder in die Regierung zurückberufen, „in Preußens größter Not“ – auf Empfehlung Napoleons, der so in Unkenntnis der tieferen Absichten vom Steins seinen größten zivilen Gegenspieler in Stellung brachte. Stein macht sich sofort ans Werk. Schon am 9. Oktober 1807 wird als erstes Reformgesetz die Bauernbefreiung verkündet: Der Adel mußte die Landbewohner aus jahrhundertealter Erbuntertätigkeit entlassen, damit sie als freie Staatsbürger ihr Schicksal selbst bestimmen konnten. Solche und andere Reformen – z.B. kommunale Selbstverwaltung, 1808 – zielten auf eine Stärkung des „Volkes“ gegenüber den bis dato absolut Herrschenden, um einen „Volkswillen“ gegen die Fremdherrschaft zu schaffen – aus dem Bewußtsein, Ureigenstes zu verteidigen.

„Altpreußen ist tot, das neue Preußen muß den Staatsbürger wecken“ war Steins Devise. Im August 1808 legt er in einem Brief Pläne zu einer Volkserhebung gegen Napoleon dar – der von den Franzosen abgefangen wird. Napoleon erkennt zu spät seinen Fehler und verhängt die Acht über Stein, der nach Prag flieht und weiter zum Zaren. Als dessen Berater vermittelt er 1813 das russisch-preußische Bündnis unter Einbindung Österreichs (Metternich) – und ist im Oktober 1813 beim Sieg der Alliierten über die französischen Armeen in der Völkerschlacht bei Leipzig als Beobachter dabei.

Am Wiener Kongreß nimmt vom Stein noch als Berater des Zaren und der preußischen Regierung teil – und zieht sich dann ins Privatleben zurück, als klar wird, daß seine Vorstellungen von einer neuen Ordnung bei den triumphierenden Fürsten auf taube Ohren stießen. Seine letzten dreizehn Lebensjahre verbringt der Architekt der Befreiung auf Schloß Cappenberg in Westfalen mit Studien über die mittelalterliche Geschichte.

Gipfel unserer Wanderung ist der Aufstieg auf den Bergfried der Burg, der nicht nur mit seiner Höhe, sondern auch den vier Ecktürmchen imponiert (Ausblick auf die Stadt auch von links des Burgaufgangs möglich). Einerseits bietet sich ein herrlicher Blick ins Mühlbachtal, andererseits auf Nassau im Lahntal: Gut ist das vom Steinsche Schloß von 1621 in der Ortsmitte zu erkennen mit dem achteckigen „Freiheitsturm“ als architektonischem Fremdkörper. Der Freiherr vom Stein – größter Sohn Nassaus, s. Am Wege  – hatte ihn 1815/16 an sein Geburtshaus anbauen lassen in Erinnerung an seine Verdienste um die Befreiung von der napoleonischen Fremdherrschaft – und als stilistisches Modell für das nach-napoleonische Deutschland: Der neugotische Baustil sollte die Erinnerung an das alte Reich wachhalten

Zur Grablege des Freiherrn in dem Dorf Frücht führt Tour 29.

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Warum Nassauer nicht nassauern

Die Nassauer haben das Pech, daß man bei ihrem Namen an Schmarotzer denkt. Dabei ist es aus gerade gegenteiligem Grund zu dem Begriff „nassauern“ für es sich auf anderer Leute Kosten gut gehen lassen gekommen. Da es in seinem kleinen Reich keine vollwertige Universität gab, gewährte der Nassauer Herzog seit 1817 begabten Landeskindern eine Art Stipendium in Göttingen in Gestalt eine „Freitischs“ in einem dortigen Wirtshaus. Blieb einer der echten Nassauer dem Tische fern, sprang gern ein Nichtlandeskind ein und gab sich als „Nassauer“ aus, woraus der studentische Ausdruck entstand. Die Nassauer nassauern also gerade nicht!

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Die Nassauer Grafen

1255 teilten die Brüder Otto und Walram von Nassau Grafschaft und Dynastie entlang der Lahnlinie. Der ottonische Zweig orientierte sich fortan nach Norden, fasste 1403 in Holland Fuß und stellt seit Wilhelm von Nassau-Oranien (1533-1584) bis heute das niederländische Königshaus (Nassauer Löwe im Staatswappen). Der walramische Zweig dagegen orientierte sich zum Rhein hin und beherrschte so einen Großteil des Taunusgebiets.

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