Ein Wandertag im Rheingau auf Tour 25

4. Juni 2008 – Gestern bin ich aufgebrochen, um eine Lösung für das „Problem Hallgarter Zange“ zu finden, wie es sich bei Tour 25 stellt. Diese ist ja schon recht lang, so daß sich eine Abkürzung als Lösung anbot. Die Frage war nur, ob der Weg „funktionierte“, den ich mit der Lupe auf der 1:25.000-Karte gesucht hatte.

Es war ein herrlicher Wandertag. Unwetter wie in den Tagen zuvor hätten drohen können, aber die klimatische Situation entwickelte sich eher harmonisch und es war vor allem etwas kühler. Als wir den Wald über den Rebhängen erreichten, übernahm der Harzduft die Regie. Frisch aufgeschichtete Baustämme verstömten ihn und wir (meine Hunde und ich) trafen bald auf jenen zauberhaften Abschnitt, wo die Tour über einen „Miniatur-Rennsteig“ verläuft, einen Pfad auf dem Kamm des Gebirges, von dem der Wald beiderseits abfällt.

Vom Rheinhöhenweg dann galt es, jene Route abseits ausgetrampelter Pfade zu finden, die beim Kartenstudium so vielversprechend erschienen war. Der Abzweig vom markierten Weg mußte penibel beschrieben werden, denn hier war die Situation etwas unübersichtlich, doch dann marschierten wir auf einem wunderschönen Pfad am Rand eines tief eingeschnittenen Bachtals bergab, das im Kleinformat auch von Felsgruppen überragt wird, wie sie für den Taunus so typisch sind. Durch die Weinberge ging es wieder zum Ausgangspunkt zurück, natürlich nicht ohne Stärkung für den letzten Abschnitt der Wanderung in einem zünftigen Weinlokal.

Diese Routenkorrektur wird Eingang in die nächste Auflage finden. Für Nutzer der bisherigen Auflagen des Buches habe ich einen Workaround beschrieben, um schon jetzt die Hallgarter Zange auslassen zu können.

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Tour 25 – Workaround, um Hallgarter Zange auszulassen

Wie schon gesagt, bringt es z. Zt. wegen der dauerhaften gastronomischen Misere wenig, die Hallgarter Zange anzusteuern.

Bei Tour 25 können Nutzer des Wanderführers folgende Abkürzung nehmen:

An der ersten großen Wegekreuzung hinter dem Grauen Stein folgen Sie dem rechts bergabführenden „roten Dreieck“ bis 500 m unterhalb der Waldzone. Dort kreuzt der Rieslingpfad, in den Sie nun nach rechts in die gegebene Wegbeschreibung einsteigen.

Die gastronomische Misere auf der Hallgarter Zange

Seit ca. 2003 besteht die Einkehrmöglichkeit auf der Hallgarter Zange nicht mehr (Tour 24, Tour 25). Alle Versuche, wieder einen fähigen Pächter zu finden, sind fehlgeschlagen. Es ist, als ob ein Fluch auf dem Ort liegen würde. Dabei handelt es sich um den prominentesten Gipfel des Rheingau-Taunus, von dem man einen wunderbaren Blick auf die Landschaft zu Füßen hat. Zwar kann man den immer noch genießen, aber die Jause muß man selber mitgebracht haben. Es war immer ein schönes Erlebnis, allein oder mit einer Gruppe hier einzukehren.

Nachdem mir nun vor Ort versichert wurde, daß Abhilfe nicht in Sicht ist, habe ich für das Design zunächst von Tour 25 eine andere Lösung erkundet. Bei dieser Tour war ja die Dramaturgie ganz auf den Zielpunkt Hallgarter Zange ausgerichtet, jetzt wurden die Gewichte etwas anders gelegt.

Da Änderungen erst in die nächste Auflage Eingang finden können, hier ein Workaround, mit dessen Hilfe Nutzer des Buches schon jetzt die Hallgarter Zange auslassen können.

28 – Riesling & Sauerborn

Vater Rhein ein Weilchen von hoher Warte aus betrachten – Burgen, Schiffe, Felsen, Wein – und dann ins Hinterland abtauchen, wo dann auch am Wege Burgen auftauchen – diese Wanderung sollte man sich für formidables Fotografierwetter vormerken, Frühaufsteher finden wohl das beste Licht…

Keine Einkehrmöglichkeit unterwegs. Detaillierte Wegbeschreibung, Karte, Höhenprofil und Hintergrundinfos im Buch . – Damit müssen Wanderer zunehmend rechnen: Gab es noch vor wenigen Jahren zwei Einkehrmöglichkeiten auf dieser Tour, so ist heute dem ländlichen Kneipensterben Tribut zu zollen. Es gibt aber genügen Rastpunkte, um die mitgeführte Jause gemütlich zu genießen.

Foto: Günter Bornholdt

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Freistaat Flaschenhals

Eine recht kuriose Bedeutung erlangte Lorch anfangs der 1920er Jahre als „Hauptstadt“ des „Freistaates Flaschenhals“ , einem Ergebnis des Versailler Vertrages. Auf dem hiesigen Rheinufer hatten Amerikaner und Franzosen je eine Besatzungszone gebildet, zwischen denen eine Lücke blieb. Dieser schmale, rheinseitig bis hinter Kaub reichende Schlauch zog sich einige Kilometer in den Taunus hinein, ließ die rund 8.000 Einwohner während ihrer vierjährigen Unabhängigkeit rasch eine eigene Identität als gewiefte Schmuggler und sonstige Lebenskünstler entwickeln, bevor sie dann 1923 doch als Bürger der Weimarer Republik in der Normalzeit ankamen. Unsere gesamte heutige Wanderung führt durch das Gebiet des damaligen Freistaates.

27 – Es wispert grün die Höhenluft …

Rechts und links des Wispertals

Fährt man vom Rhein weg ins Wispertal, biegt man bald um die Ecke – und ist in einer völlig anderen Welt. Herrliche Wälder, enge Felstäler, lauschige Talauen, luftige Höhen, und überall der Schiefer. Felsen, Hausdächer, Burgen, alles besteht aus diesem Gestein. Schließlich ist der Taunus Teil des Rheinischen Schiefergebirges.

Diese Wanderung ist mit zwei Aufstiegen von knapp 400 resp. 300 Höhenmetern bei satten 33 km Länge die “Königsetappe” dieses Führers. Sie wird daher auch als 2-Tage-Wochenendtour mit Übernachtung in einem Höhenort empfohlen.

3 Einkehrmöglichkeiten unterwegs. Detaillierte Wegbeschreibung, Karte, Höhenprofil und Hintergrundinfos im Buch.

Foto: Stefan Etzel | Album der Tour

26 – Von Assmannshausen zum Niederwalddenkmal

Die Wacht am Wein bei Rüdesheim

Vom rotweinseligen Assmanshausen geht es beschwingt durch die Weinberge hinauf auf die bewaldeten Rheintaunushöhen, von denen wir dann im großen Bogen wieder zu Vater Rhein zurückkehren – und unterwegs zweier höchst unterschiedlicher Frauengestalten gedenken, deren Namen mit dieser Landschaft untrennbar verbunden ist – Germania und Hildegard.

2 Einkehrmöglichkeiten unterwegs. Detaillierte Wegbeschreibung, Karte, Höhenprofil und Hintergrundinfos im Buch.

Album der Tour | kleine Änderung der Route & Korrektur des Buchtextes

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Niederwald-Denkmal

Im September 1883 weihte Kaiser Wilhelm I. dieses pompöse Nationaldenkmal ein, das an den Sieg über Frankreich im Krieg von 1870/71 und die danach erfolgte Reichgründung erinnern sollte. Auf dem Sockelrelief sind die Hauptbeteiligten dargestellt: Der Kaiser hoch zu Roß, daneben Bismarck, der Motor der Neugründung des deutschen Reiches sowie die Fürsten der unter Preußens Führung vereinigten Teilstaaten. Darunter prangen die heroischen Verse der „Wacht am Rhein“ mit der bekannten Zeile: „Lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein“.

Beunruhigt hatte das Denkmal nach dem Zweiten Weltkrieg natürlich die französischen Besatzer auf der anderen Rheinseite. „Der Germane“ recke drohend „seine erhobene Faust gen Frankreich“, beklagten sie sich bei ihren US-Kollegen und forderten den Abriß des Denkmals. Die schauten sich die Sache genauer an und kamen zu dem Schluß: Erstens handele es sich um eine Dame, wogegen die Franzosen ja wohl nichts einzuwenden haben dürften, zweitens halte sie das Schwert gesenkt, und drittens blicke sie nicht gen Paris, sondern nach Süden, mehr auf Mainz zu. Im Übrigen habe sie einen Friedensengel zur Seite. Die Germania durfte stehenbleiben – sehr zur Freude der Legionen amerikanischer Touristen, die bald an den Rhein strömten…

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Abtei St. Hildegard

Der etwas düster wirkende Klosterkomplex wurde in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts erbaut und knüpft an eine der Lichtgestalten des „finsteren“ Mittelalters an, die hl. Hildegard von Bingen (1098-1179), die in dieser Landschaft beiderseits des Rheins vor 850 Jahren wirkte: 1165 hatte sie im etwas unterhalb gelegenen Dorf Eibingen eine Filiale ihres Klosters Rupertsberg (Bingen) gegründet, von wo auch – fast 500 Jahre später – während der Wirren des 30jährigen Krieges ihre Gebeine in die Eibinger Pfarrkirche überführt wurden, wo die Reliquien der – nie offiziell heilig gesprochenen! – Heiligen bis heute verehrt werden.

Die Abteikirche ist ein förmliches Sinnbild für die Innerlichkeit des religiösen Erlebens. Ähnlich, wie die hl. Hildegard sich nach Außen nichts von ihren Visionen anmerken ließ, gibt das im Stil einer romanischen Basilika erbaute Gotteshaus sein Geheimnis erst preis, wenn man den Innenraum betritt. Dann zieht den Besucher eine geheimnisvolle Bildwelt in ihren Bann, deren Bezugspunkt der monumentale „Christos Pantokrator“ in der Apsiskuppel ist. Der dem byzantinischen Motivkanon nachempfundene „Allherrscher“ breitet hier einladend die Arme aus und seinem milden Blick vermag sich niemand im Raum zu entziehen, ein Effekt der Kuppelwölbung.

Entziehen kann man sich auch nicht der friedvollen Seelenstimmung, die von der gedämpften Farbigkeit der Raumausmalung ausgeht und die sich noch vertieft beim Betrachten der eigentümlichen Wandgemälde: Szenen aus Altem und Neuem Testament, aus dem Leben der Hl. Hildegard, bedeutende Heilige des Benediktinerordens – alle Gestalten atmen tiefe Ruhe und Frieden, wirken der Welt weit entrückt, alles Bewegte scheint zum Stillstand gekommen, alle Individualität im Überpersönlichen aufgegangen. Diese streng stilisierende Bildgestaltung im Dienste frommer Betrachtung ist ein Wesensmerkmal der „Beuroner Kunstschule“ , aus deren Schaffen die Abtei St. Hildegard als eine der gelungensten Gesamtkompositionen hervorging.

Von der benediktinischen Erzabtei Beuron im oberen Donautal ging im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Erneuerungsbewegung sakraler Kunst aus, deren Ziel es war, sowohl dem Realismus wie dem „l´art pour l´art“-Prinzip der weltlichen Kunst eine „l´art pour Dieu“ entgegenzusetzen, eine „Kunst um Gottes willen“, die sich zugleich vom zeitgenössischen Herz-Jesulein-Kitsch dadurch abheben sollte, daß ihre Bildwelt mehr das Gedanken- als das Gefühlsleben ansprach. Pater Desiderius Lenz (1832-1928), der Begründer der Beuroner Schule, leitete seine Kunst insbesondere von ägyptischen Vorbildern mit ihrer streng reglementierten Formensprache ab.

Geht man vor zum Altarraum und hebt den Blick zur Chorkuppel hinauf, so erkennt man in der Ornamentik noch einen weiteren, diesmal modernen Einfluß auf die Beuroner Kunstschule, den Jugendstil, dem ja auch die typisierende Darstellung eigentümlich war und in dessen Nähe sich die Beuroner Schule einordnen läßt.

Die Innenausmalung der Abteikirche (1907-1913) war das Hauptwerk des Lenz-Schülers Pater Paulus Krebs, dem es mit den Mitteln seiner „Heiligen Kunst“ gelang, eine zur „Andacht“ einladende Atmosphäre zu schaffen in bewußtem Gegensatz zu zeitgenössischen Kunstströmungen wie dem aufkommenden Expressionismus.

25 – Der Rheingau bei Schloß Johannisberg

Die Wälder, die die Weine schützen

Der bewaldete Taunuskamm ist gewissermaßen der "Pelzkragen", der die empfindlichen Rebstöcke des Rheingaus vor den Nordwinden schützt. Dort hinauf führt diese Wanderung, die zeigt, daß auch hier im Westen des Hauptkamms jene Quarzitklippen zu finden sind, wie man sie von den frankfurtnahen Taunushöhen kennt.

2 Einkehrmöglichkeiten unterwegs. Detaillierte Wegbeschreibung, Karte, Höhenprofil und Hintergrundinfos im Buch .

Foto: Stefan Etzel | Album der Tour

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Schloß Johannisberg

"Ein gutes Mittel gegen Ärger ist stets ein Glas Johannisberger!" Dieser volksmedizinale Ratschlag mag den sich wie andere gern ärgernden Heinrich Heine zu dem Ausspruch bewogen haben: "Mon dieu, wenn ich doch soviel Glauben in mir hätte, daß ich Berge versetzen könnte, der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe".

Der Ruf des Johannisberges als Olymp der Weinseligen ist ein uralter. Kaiser Karl höchstpersönlich soll das vinologische Potential dieser Südhanglage erkannt haben, als er von der Ingelheimer Pfalz über den Rhein schaute, um zu sehen wo der Schnee im Rheingau wohl zuerst schmölze – und dort dann Rebstöcke pflanzen ließ. Das war am heutigen Johannisberg, der diesen Namen freilich erst 300 Jahre später erhielt, als die Benediktiner auf ihm das erste Kloster im Rheingau errichteten und ihre Basilika 1130 Johannes dem Täufer weihten – ohne nun gleich Wasser statt Wein predigen zu wollen…

Richtigen Aufschwung zum "berühmtesten Weingut am Rhein" nahm der Johannisberg aber erst, nachdem die Fürstabtei Fulda 1716 das mittlerweile aufgelöste und verfallene Kloster "mit schweren Geldes Kösten" gekauft und statt des früher angebauten Spätburgunders konsequent auf Riesling umgestellt hatte, mit dem noch heute 80% der Rheingauer Rebfläche bestockt ist. Krönung war dann die Entdeckung der Spätlese, die den Johannisberg endgültig unsterblich machte.

Und Fürst Metternich, dessen Konterfei heute in jedem Supermarkt auf Rheingauer Sektflaschen prangt? Der hatte Johannisberg ob seiner "besonderen Verdienste um die Leitung des Wiener Kongresses 1814/15" vom österreichischen Kaiser geschenkt bekommen, dem in dem großen Gebietsschacher dieser vormalige Besitz des Klosters Fulda zugefallen war. Die "Verdienste" werden von den ehrfurchtsvollen Heimatforschern freilich aus gutem Grunde verschwiegen: Das "System Metternich" sicherte nämlich gegen den Volkswillen noch einmal auf Jahrzehnte die Fürstenherrschaft und bekämpfte jeden nationalen, liberalen oder gar revolutionären Ton mit polizeistaatlichen Mitteln. Eines der Opfer war übrigens der freche Heine, den Metternich beim Papst anschwärzte, woraufhin die Schriften des fidelen Rheinländers auf dem Index landeten – einige davon bis 1967…