29 – Nostalgie ob der Lahn

Von Bad Ems ins Schweizertal

„Weltbad“! – Wo einst Kaiser und Könige kurten, kurt heute König AOK-Kunde in lange verblasstem Glanz. Stramm bürgerlich marschieren wir denn auch auf den Emser Hausberg (Malbergbahn) – und kehren später auf Wegen zurück, auf denen schon die Römer zum Bade trabten…

2 Einkehrmöglichkeiten unterwegs. Detaillierte Wegbeschreibung, Karte, Höhenprofil und Hintergrundinfos im Buch .

Foto: Stefan Etzel

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Bad Ems und die „Emser Depeche“

Ob die Römer den Lahnübergang absichtlich an die Emser Quellen legten, ist nicht bezeugt, kam aber jedenfalls ihren Vorstellungen eines zivilisierten Lebens entgegen. Als Heilort bekannt wurde Ems schon im 14. Jahrhundert und erlebte seine Blütezeit als alljährliches Stelldichein des europäischen Hochadels in den Jahrzehnten vor 1871 – dem Jahr des preußischen Spielbankenverbots. Danach gings bergab, heute kämpft die Stadt mit all ihren prachtvollen Kurbauten von anno dazumal wie alle anderen Kurbäder ums wirtschaftliche Überleben.

Eingang in die Geschichte fand Bad Ems durch jene Depeche des kurenden Preußenkönigs an Bismarck Anfang Juli 1870, in welcher er von einer Begegnung mit dem französischen Gesandten berichtet, der längst überholte Forderungen gestellt hatte: Bismarck möge die Öffentlichkeit entsprechend informieren. Der nutzte die Gelegenheit, durch eine polemisch verkürzte Fassung der „Emser Depeche“ die beiden Völker wie ihre Herrschenden in einen nationalistischen Furor zu stürzen, dessen Ergebnis die erwünschte Kriegserklärung Frankreichs an Preußen vom 19. Juli 1870 war. Aufgrund von Bündnisverträgen traten die süddeutschen Staaten in den Krieg mit ein, der so zu einem „deutschen“ wurde – und an dessen Ende die Krönung des preußischen Königs im Spiegelsaal von Versaille zum Kaiser des zweiten deutschen Reiches stand.

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Die Grablege des Freiherrn vom Stein in Frücht

Aus dem Schweizer Tal aufsteigend, erreichen wir das Dorf Frücht. An seinem Rande liegt Steins Gruft, eine neugotische Kapelle, die der Freiherr vom Stein etwa zur gleichen Zeit wie den Freiheitsturm im Nassauer Schloß errichten ließ (s.Tour 30). Hierher ließ er die Särge seiner Eltern aus der Früchter Kirche überführen und bestimmte die Kapelle als letzte Ruhestätte für sich und seine Gemahlin. Auf den Besitz von Frücht ging letztlich die Reichsunmittelbarkeit des Geschlechts zurück, das mit dem ohne männliche Nachkommen bleibenden Freiherrn erlosch. Auf dem Sockel seines Grabmals steht zu lesen (Ernst Moritz Arndt):

„Der Letzte

seines über sieben Jahrhunderte

an der Lahn blühenden Rittergeschlechtes,

demüthig vor Gott, hochherzig gegen Menschen,

der Lüge und des Unrechts Feind, hochbegabt

in Pflicht und Treue, unerschütterlich

in Acht und Bann,

des gebeugten Vaterlandes ungebeugter Sohn,

in Kampf und Sieg

Deutschlands Mitbefreier.

Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu seyn.“

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